Gemeindeleben

Liebe Gemeinde, 

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! So lautet unsere Jahreslosung für das Jahr 2020. Es ist ein Satz aus dem Markusevangelium, in dem die Geschichte der Heilung des besessenen Knaben erzählt wird. Mich berührt diese Geschichte sehr. Das Wort der Losung kommt in der Bibel aus dem Mund eines verzweifelten Vaters, der für seinen kranken Sohn kämpft. Seit sein Kind auf der Welt ist, sieht er wie es leidet. Er sei von Dämonen besessen, sagen die Leute um ihn herum abfällig. Und auch er selbst erschrickt heute noch, wenn er seinen Jungen sieht wie er fällt wie in Trance und nicht mehr er selbst ist. Von einer Sekunde auf die andere. Er wendet sich mit der Klage über sein Leid an Gott. Es ist die große Frage, die sich Menschen unterschiedlichen Glaubens stellen: „Warum lässt Gott dieses Leid zu? Warum ausgerechnet ich?“ Jeder von uns kennt diese Momente, in denen man mit seinem Glauben hadert. Situationen im Leben, in denen wir mit Schmerz und Leid konfrontiert werden.  Auch in der Schule und bei den Jugendlichen in der Gemeinde kommt diese Frage: „Wenn Gott doch so allmächtig ist, warum gibt es so viel Böses auf dieser Welt?“ Wir führen diese Frage unter dem Begriff Theodizee, die Rechtfertigung Gottes. Die „eine“ Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Ich für mich habe gemerkt, dass Gott mir gerade in den Momenten des Schmerzes besonders nah ist und mir Halt gibt. Er kann mir keine Antwort geben, aber er hilft mir beim Überstehen.

Auf dem Titel unseres Gemeindebriefes ist der schwebende Engel von Ernst Barlach zu sehen. Er ist ein Ehrenmal für die Opfer des ersten Weltkriegs, ein Gedenken an das Leid. Barlach sagte einst über sein Kunstwerk: „Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“ Die Augen des Engels sind verschlossen. Dennoch kennen und sehen sie die Bilder der Vergangenheit. Seine Hände sind auf seinem Körper angelehnt. Er zeigt vielleicht, dass uns die Antwort auf diese Frage verschlossen bleibt. Aber er schwebt weiter, wendet sich nicht ab. Sein Blick ist nach vorne gerichtet. Der Vater in unserer Geschichte wendet sich auch nicht von Gott ab und leugnet seine Existenz. Er möchte ja glauben! Es ist ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Satz, den er Jesus zuspricht. Ein Satz, der direkt aus seinem Herzen kommt. Er weiß um seine Zweifel und bittet um Glauben. Er weiß, dass sich dieser Glaube nicht machen lässt. Er erbittet ihn. Der Glaube lässt uns nicht alles verstehen, aber er hilft uns, das Verstehen auszuhalten. Wenn Sie dieses Jahr also Momente haben, in denen Sie sich nach einem Zeichen Gottes sehnen, dann denken Sie an diesen Satz und vertrauen Sie darauf: Der, den wir anrufen, der wird helfen. Halten Sie fest.

Franziska Raetsch